Das Paradoxon ist ein beliebtes rhetorisches Mittel, findet aber auch in anderen Bereichen wie der Philosophie und Psychologie Anwendung. Was ein Paradoxon genau ist und wie du es erkennst, erfährst du im Folgenden.

Das Paradoxon hat verschiedene Ausprägungen und wird für verschiedene Zwecke eingesetzt. Dabei verfolgt das Stilmittel immer ein Ziel, nämlich einen bestimmten Sachverhalt zu verdeutlichen. Dafür bildet es einen scheinbaren Widerspruch, der sich bei näherer Betrachtung jedoch auflöst. Wir klären dich über das Stilmittel auf.

Paradoxon: Der scheinbare Widerspruch

Paradoxon: Der scheinbare Widerspruch

Der Begriff “Paradoxon“ leitet sich aus dem altgriechischen Adjektiv “parádoxos“ her, das übersetzt “unerwartet“ oder “wider die gewöhnliche Meinung“ bedeutet. Und auch das Paradoxon als rhetorisches Stilmittel arbeitet mit eben diesem unerwarteten Widerspruch. Ein Paradoxon kann nämlich sowohl eine Aussage, der Befund einer eingehenden Untersuchung oder eine Erscheinung sein, die der allgemeinen Erwartung oder dem allgemeinen Verständnis des Sachverhaltes widerspricht. Nach eingehender Beschäftigung mit der Sache löst sich der Widerspruch jedoch zumeist auf.

Das Paradoxon erscheint zuerst übertrieben oder gar absurd, dennoch enthält es oft eine tieferliegende Wahrheit, die die Widersprüchlichkeit der Aussage aufwiegt. Um ein Paradoxon zu verstehen, musst du die Aussage interpretieren, sozusagen nach dem tieferen Sinn suchen.

Ein typisches Beispiel für ein Paradoxon wäre der Satz: “Weniger ist mehr.“ Die Wörter “weniger“ und “mehr“ scheinen sich im ersten Moment eindeutig zu widersprechen und der Satz damit falsch zu sein. Erst wenn du länger über seine Bedeutung nachdenkst, kannst du seine tieferliegende Wahrheit erkennen. Der Satz wird beispielsweise gerne verwendet, wenn jemand im übertragenen Sinne zu dick aufträgt, wenn jemand mit seiner Art oder seinem Auftreten übertreibt. In diesen Fällen kann es oftmals wertvoller sein, sich ein wenig zurückzunehmen. Der Ausspruch “Weniger ist mehr“ trägt also trotz des scheinbaren Widerspruchs eine tieferliegende Wahrheit in sich.

Unterschied zwischen Paradoxon und Oxymoron

Unterschied zwischen Paradoxon und Oxymoron

Im ersten Moment scheint das Paradoxon dasselbe wie das Oxymoron zu ein. Es gibt auch viele Ähnlichkeiten zwischen den beiden rhetorischen Stilmitteln, allerdings auch unverkennbare Unterschiede. Auch das Oxymoron stellt einen Widerspruch dar, jedoch meist nur in einem bestimmten Ausdruck und nicht wie das Paradoxon in einem vollständigen Satz oder sogar zwei Sätzen. Das Paradoxon gehört nämlich zu den Satzfiguren, das Oxymoron dagegen zu den Wortfiguren, da sich der Gegensatz hier zumeist schon in einem einzigen Wort findet.

Typische Beispiele für ein Oxymoron sind “Ausnahmeregel“, “Schwarzschimmel“ oder auch “stummer Schrei“. Die zusammengefügten Wörter widersprechen sich eindeutig in ihrer eigentlichen Bedeutung. Zudem fehlt dem Oxymoron ein tieferer Sinn beziehungsweise eine tieferliegende Wahrheit, die in einem Paradoxon als rhetorisches Stilmittel stets zu erkennen ist.

Beispiele für Paradoxa

Das Paradoxon findet sich in vielerlei literarischen Texten und Gedichten. Besonders in der Epoche des Barock und im Expressionismus wurde das Stilmittel vielfach verwendet und drückt sich im Falle des Barocks bereits in der charakteristischen Darstellung und somit Konservierung des Vergänglichen aus, die für die Epoche des Barocks symbolhaft ist. Auch die Mystik bedient sich gerne des Paradoxons.

Besonders häufig finden sich Paradoxa in religiösen Schriften und so auch in der Bibel. Sie sind oft erst zu verstehen, wenn du sie genauer interpretierst. Sie sollen hier zum Nachdenken anregen und die Komplexität des Glaubens und des Lebens an sich verdeutlichen.

1. “Ich weiß, dass ich nichts weiß“ (Sokrates)

Bedeutung: In diesem berühmten Satz des griechischen Philosophen Sokrates stellt er einen Widerspruch zwischen “Wissen“ und “Nicht-Wissen“ auf. Er sagt zum einen, dass er nichts weiß, und zum anderen, dass er eben dieses weiß. Bei näherer Betrachtung hat diese Aussage jedoch eine tiefere Bedeutung.

2. “Erfolg wird am süßesten gezählt
Von denen, die niemals Erfolg haben“
(aus Emily Dickensons “Erfolg wird am süßesten gezählt“)

Bedeutung: Diese ersten zwei Zeilen von Dickensons Gedicht beinhalten bereits ein Paradoxon, nämlich dass nur diejenigen Erfolg richtig wertschätzen können, die häufig Niederlagen einstecken müssen. “Erfolg“ und “Niederlage“ bilden jedoch erstmal einen Widerspruch. Erst nach eingehender Überlegung kommt die tieferliegende Bedeutung der beiden Zeilen zum Vorschein.

3. Das Leben ist der Tod, und der Tod ist das Leben.

Bedeutung: Auch dieser Satz ist ein eindeutiges Paradoxon zwischen “Leben“ und “Tod“, kann aber auf vielfältige Weise interpretiert werden und erhält so einen tieferen Sinn. Neben dem Paradoxon findet sich in diesem Satz zusätzlich das Stilmittel des Parallelismus’.

4. “Diese Ruhe war Aufruhr!“
(aus Heinrich Manns “Der Untertan“)

Bedeutung: Auch dieses Zitat aus Manns Roman bildet einen Widerspruch zwischen “Ruhe“ und “Aufruhr“ und somit ein Paradoxon. Wenn in der Ruhe eine unterschwellige Kraft liegt, die zu brodeln beginnt, gibt dies dem Ausruf zudem einen tieferliegenden Sinn.

5. Wir sind stark, wenn wir schwach sind (2. Korinther 12,10), und kraftlos in unserer eigenen Stärke (Johannes 15,5).

Bedeutung: In diesem Bibelzitat liegt sowohl ein Paradoxon als auch ein Parallelismus vor. Stärke und Schwäche wird hier gegenüber gestellt. Entgegen der allgemeinen Auffassung wird Stärke hier als negativ und Schwäche als positiv dargestellt, was es zu einem besonders charakteristischen Paradoxon macht. Im Bezug auf das Christentum besitzt dieses Zitat eine verborgene Wahrheit, die sich sehr gut auf den christlichen Glauben übertragen lässt.

6. Wir werden erniedrigt, wenn wir uns erhöhen, aber Er erhöht uns, wenn wir uns erniedrigen (Lukas 14,11).

Bedeutung: Auch dieses Bibelzitat bildet ein Paradoxon im Zusammenhang mit einem Parallelismus. Im Gegensatz zur allgemeinen Auffassung wird Erniedrigung positiv dargestellt und Selbstverherrlichung als negative Komponente entgegengestellt. Das Zitat erhält übertragen auf den christlichen Glauben eine größere Bedeutung.

7. Wir können alles besitzen und doch nichts haben; wir können arm sein, und doch viele reich machen (2. Korinther 6,10).

Bedeutung: In diesem Paradoxon werden die Wörter “arm“ und “reich“ gegenübergestellt. Der tiefere Sinn verbirgt sich in der Bedeutungslosigkeit äußerer Güter und der Wertschätzung innerer Werte.

8. Wir finden vollkommene Freiheit als Sklaven Christi, aber Knechtschaft, wenn wir frei sind von Seinem Joch (Römer 6,17-20).

Bedeutung: Dieses Paradoxon setzt Freiheit und Knechtschaft in einen Widerspruch und setzt voraus, dass Freiheit nur unter der Knechtschaft Chrsti erfolgen kann, was im Prinzip Freiheit durch Knechtschaft bedeutet, was im christlichen Sinn und Bezug auf das Himmelreich eine tiefere Bedeutung erlangt.

9. Wir erfahren mehr Freude, wenn wir mit anderen teilen, was wir haben, als wenn wir mehr bekommen. Oder, mit den Worten des Herrn: “Geben ist seliger als Nehmen” (Apostelgeschichte 20,35).

Bedeutung: Dieses Zitat setzt “teilen“ und “mehr bekommen“ in einen Widerspruch und erzeugt so ein Paradoxon. Teilen wird dabei positiver dargestellt als Besitztum. Auf diese Weise werden christliche Werte vermittelt.

Formen von Paradoxa

Formen von Paradoxa

Paradoxa gibt es jedoch nicht nur in Form von rhetorischen Mitteln. Auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen wie der Philosophie, Physik, Mathematik und Philosophie finden Paradoxa Anwendung, meist in Form von komplizierten Theorien. Allgemein kannst du Paradoxa in vier verschiedene Formen einteilen.

Logische Paradoxa: Ein logisches Paradoxon widerspricht sich selbst. Ein gutes Beispiel dafür wäre der Satz: “Ich lüge immer“. Wenn dies zuträfe, wäre auch dieser Satz bereits gelogen und somit falsch. Wäre er jedoch wahr, wäre die Aussage jedoch nicht gelogen und damit doch wieder falsch. Aus Sicht der Logik ist der Satz somit sinnlos.

Weiteres Beispiel: “Dieser Satz ist falsch.“

Metaphysische Paradoxa: Solch ein Paradoxon ist für den Menschen nicht greifbar und geht über sein Vorstellungsvermögen hinaus. Ein gutes Beispiel ist die Endlichkeit beziehungsweise Unendlichkeit von Raum und Zeit. Beide Varianten scheinen dem logischen Denken zu widersprechen, dennoch muss eine Variante zutreffen.

Semantische Paradoxa: Hier findet sich der Widerspruch in der Bedeutung von Zeichen.

Rhetorische Paradoxa: In diesem Fall handelt es sich um das rhetorische Stilmittel, das eine scheinbare Widersprüchlichkeit besitzt, diese jedoch bei näherer Betrachtung verliert.

Das Paradoxon im Alltag

Obwohl das Paradoxon ein Stilmittel ist, über das du erst einmal nachdenken musst, bevor du es verstehst, gibt es doch zahlreiche Paradoxen, die es in die Alltagssprache geschafft haben und mittlerweile schnell verstanden werden, da ihre tieferliegende Bedeutung bereits bekannt ist. Beispiele sind:

  • “Aus der Erfahrung lernen wir, dass der Mensch aus Erfahrungen nicht lernt.“
  • “Immerhin sind wir uns einig, dass wir uns nicht einig sind.“
  • “Das einzig Beständige ist die Veränderung.“
  • “Umsonst ist nur der Tod und der kostet das Leben.“
  • “Das ist so wahr, dass es nur falsch sein kann.“

All diese Sätze werden gerne in passenden Situationen ausgesprochen, um einen Sachverhalt durch den im Paradoxon vorliegenden Widerspruch zu verdeutlichen. Das eigentliche Ziel eines Paradoxons veranschaulicht folgender Satz ganz besonders gut: “Wenn man sich klar ausdrücken will, muss man sich manchmal widersprechen.“ Auch hier handelt es sich wiederum um ein Paradoxon.

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