Haiku bezeichnet ein extrem kurzes Gedicht, das traditionell aus Japan kommt. Mittlerweile nutzen Dichter aus der ganzen Welt die Gedichtform, um ihre Weltwahrnehmung auszudrücken. Was ein Haiku genau ist und wie du selbst ein solches Gedicht verfasst, erfährst du im Folgenden.

Bei einem Haiku handelt es sich um die kürzeste Gedichtform der Welt. Sie besteht aus nur 17 japanischen Lauteinheiten, was ungefähr zehn bis 14 deutschen Silben entspricht. Wir erklären dir, was das Haiku sonst noch ausmacht und wie du ein solches Kurzgedicht schreibst.

Was ein Haiku ist

Was ein Haiku ist

Das Haiku zeichnet sich zum einen durch seine Form und zum anderen durch seinen Inhalt aus. Es handelt sich um einen Dreizeiler, der sich in 5-7-5 japanische Moren (japanische Lauteinheiten) unterteilt. Bei einer Mora handelt es sich nicht um eine übliche Silbe, denn eine Silbe kann auch mehrere Moren enthalten, beispielsweise wenn ein Vokal langgezogen wird, ein n eine Silbe beendet oder ein doppelter Konsonant vorliegt. In Übersetzungen kann die übliche Form des Haikus darum oftmals nicht eingehalten werden.

Auf Deutsch galt darum lange die Vorgabe, Haikus dreizeilig mit 5-7-5 Silben zu schreiben. Da Silben jedoch nicht mit Moren gleichzusetzen sind, wurde diese Richtlinie mittlerweile aufgelockert. Schon Wörter mit zwei Silben können mitunter fünf Moren enthalten. Darum nutzen deutsche Autoren meist zehn bis 14 Silben für ein Haiku und erzeugen so den gleichen Informationsgehalt wie das traditionelle japanische Kurzgedicht. Mehr über Lyrik, Dichtung und Poesie erfährst du hier.

Doch nicht nur die äußere Form ist ein charakteristisches Merkmal des Haikus, sondern auch inhaltlich grenzt sich das Kurzgedicht von anderen Gedichtformen ab. Denn das Haiku benennt konkrete Gegebenheiten und Augenblicke, die sich scheinbar in der Gegenwart abspielen. Darum sollte das Gedicht auch stets im Präsens verfasst werden. Oft werden Jahreszeiten speziell benannt oder mit entsprechenden Symbolen angedeutet. Gefühle werden nicht direkt erwähnt, sondern sollen sich beim Leser selbst erst beim Lesen entwickeln. Symbole spielen in Haikus allgemein eine wichtige Rolle. Bestimmte Gegebenheiten werden mit bestimmten Gefühlen oder kulturellen Themen assoziiert, beispielsweise herabfallende Blätter für Vergänglichkeit und prasselnder Regen für den Tod.

Haiku schreiben: So geht’s

Haiku schreiben: So geht’s

Haikus erscheinen auf den ersten Blick recht einfach zu schreiben zu sein. Es gibt jedoch einige Regeln, die du beim Schreiben beachten musst, um ein richtiges Haiku zu formulieren. Neben seiner speziellen Form, bezieht sich der Inhalt oft auf bestimmte Themengebiete – zuvorderst die Natur und Jahreszeiten. Natürlich kannst du für ein modernes Haiku von diesem Themenfeld abweichen. Für ein traditionelles Haiku solltest du jedoch die üblichen Themen abdecken.

Inspiration in der Natur suchen

Falls dir die Inspiration für ein geeignetes Thema fehlt, kannst du in der Natur neue Eindrücke sammeln und dich von den natürlichen Vorgängen in der Natur inspirieren lassen. Du kannst eine lange Wanderung unternehmen oder dich auch nur gemütlich in den Garten setzen. Wichtig ist, dass du dir Zeit und die nötige Ruhe nimmst, um die äußeren Eindrücke mit all ihren Details wahrzunehmen. Oft wird ein scheinbar unspektakuläres Ereignis detailreich beschrieben, wie beispielsweise der Sprung eines Frosches in einen Teich. Mithilfe dieser Natureindrücke strahlen Haikus Gelassenheit aus.

Haikus lesen

Um dir ein Bild von der Form, Symbolik und den Inhalten des Haikus zu machen, kannst du dir vor dem Schreiben einige Haikus durchlesen und sie als Inspirationsquelle nutzen. Du kannst versuchen den tieferen Sinn zu deuten und dich mit der Symbolik und den beschriebenen Ereignissen vertraut machen. Versuche dich bei deinen ersten Schreibversuchen an diesen Haikus zu orientieren, um inhaltlich und formal die Vorgaben einzuhalten.

Form beachten

Die Form nimmt bei einem Haiku eine zentrale Rolle ein und sorgt dafür, dass dein Gedicht als Haiku erkannt wird. Natürlich kannst du die traditionelle Form im Deutschen nicht 1:1 kopieren, dennoch solltest du dein Bestmögliches geben, um dein Kurzgedicht als Haiku erkennbar zu machen. Halte es darum dreizeilig und versuche die mittlere Zeile etwas länger als die beiden anderen zu formulieren.

Lass deine Sinne sprechen

Haikus beschreiben einen bestimmten Gegenstand oder vielmehr einen Augenblick oft mit allen Sinnen. Begib dich daher in die Natur und nehme deine Eindrücke mit allen Sinnen wahr. Diese Sinneswahrnehmungen können dir später dabei helfen das Erlebte und die damit einhergehenden Gefühle in Worte zu fassen. Konzentriere dich dabei nicht nur darauf, wie der Gegenstand aussieht, sondern auch wie er riecht, schmeckt und sich anfühlt. So kannst du noch ein genaueres Bild zeichnen und dem Leser deine eigenen Gefühle näher bringen.

Formuliere bildhaft

Formuliere dein Haiku bildhaft

Allgemein solltest du dein Haiku sehr bildhaft formulieren. Damit kannst du deinem Haiku eine tieferliegende Bedeutung geben. Haiku-Autoren – auch Haijin genannt – arbeiten oft mit einer tieferliegenden Symbolik. Bestimmte Natursymbole stehen für religiöse und gesellschaftliche Themen, die auch du in deinen Haikus aufgreifen kannst. Auf den ersten Blick scheinen die Kurzgedichte nur bestimmte Naturphänomene zu beschreiben, bei näherer Analyse kannst du dahinter jedoch ein tiefgründiges Thema entdecken, das zum Nachdenken anregt. Wichtig ist, dass du dem Leser Interpretationsspielraum lässt und deine Intention nicht ausformulierst. Auch deshalb ist das Haiku auf drei Verse beschränkt.

Richtige Zeitform verwenden

Haikus beziehen sich immer auf die Gegenwart und sollten darum auch stets im Präsens formuliert sein. Dein Haiku sollte sich so anhören, als würdest du den beschriebenen Augenblick in diesem Moment beobachten und wiedergeben. Darum wird dieses Ereignis auch stets konkret benannt. Mitunter wird an eigene Erlebnisse des Lesers appelliert, der das Haiku somit mit seinen eigenen Erfahrungen komplettiert.

Mit der letzten Zeile überzeugen

Die letzte Zeile des Haikus formt das Gedicht noch einmal maßgeblich, denn sie sorgt mitunter für die ein oder andere Überraschung und gibt in manchen Fällen sogar erst den beschriebenen Gegenstand preis. Mit dieser Zeile wird also erst Raum zur Analyse geschaffen. In manchen Fällen sorgt sie auch für eine humorvolle Wendung. Dein Haiku kann also mitunter auch lustig sein und muss nicht unweigerlich zum Nachdenken anregen. Moderne Haikus weichen außerdem oft von den ursprünglichen Themen und mitunter sogar der Form ab, so dass du in deinen Haikus auch persönliche Probleme und Interessen einbringen kannst.

Beispiele zu Haikus

Beispiele zu Haikus

Damit du dir ein besseres Bild von der japanischen Gedichtform machen kannst, haben wir zahlreiche Beispiele bekannter Haiku-Dichter für dich aufgelistet. Der japanische Dichter Matsuo Bashô (1643 – 1694) gilt dabei als einer der wichtigsten Haijin, da er dem Kurzgedicht zur Anerkennung verhalf. Damals nannte man die Gedichtform noch Haikai. Haiku heißt das Kurzgedicht erst, seit Masaoka Shiki (1867 – 1902) das moderne Haiku begründete. Wir haben Beispiele von beiden Autoren und darüber hinaus von weiteren einflussreichen Haijin wie Yosa Buson (1716 – 1783) und Kobayeshi Issa (1763 – 1827). Weitere schöne Gedichte findest du in diesem Artikel.

1. Bei Nebelnieseln
Der Fuji nicht sehen läßt
Das weiße Antlitz
(Matsuo Bashô)

2. Komm, laß uns gehen
Schnee schauen, Sake trinken
Taumeln wie Flocken
(Matsuo Bashô)

3. So viele Dinge
Ruft ins Gedächtnis mir
Die Kirschblüte.
(Matsuo Bashô)

4. Orangenbäume
Und hier und dort im Felde
Der Ruf des Kuckucks.
(Matsuo Bashô)

5. Im Sturm des Herbstes
Zerbrochen und so traurig
Der Maulbeerstrauch dort.
(Matsuo Bashô)

6. Als meine Augen alles
Gesehen hatten, kehrten sie zurück
Zur weißen Chrysantheme
(Matsuo Bashô)

7. Ein uralter Weiher
Vorm Sprung eines Frosches
Ein kleiner Laut
(Matsuo Bashô)

8. Eine Kerze angezündet
an einer anderen Kerze,
Ein Abend im Frühling.
(Yosa Buson)

9. Auch die Einsamkeit
ist manchmal etwas Schönes
Ah, der Herbstabend!
(Yosa Buson)

10. Wenn auch die Winterkälte noch in den Winkeln sitzt,
So blühen doch schon bald
die Pflaumenbäume.
(Yosa Buson)

11. Abendnebeldunst-
Heut gedenk’ ich alter Zeit-
Ach, wie ist sie fern!
(Kobayeshi Issa)

12. Als Muschelschale
Kommt aus den Bergen heraus
Der Mond des Herbstes!
(Kobayeshi Issa)

13. Seid doch unbesorgt.
Auch die Blätter fallen
Ohne Murren ab!
(Kobayeshi Issa)

14. Im Frühlingsregen
Gähnt sie lang und breit
Das schöne Mädchen.
(Kobayeshi Issa)

15. Aus tiefem Dunkel
In tiefes Dunkel gehen
Verliebte Katzen.
(Kobayeshi Issa)

16. An einem Abend im Herbst
Ist es nicht leicht
Ein Mensch zu sein.
(Kobayeshi Issa)

17. Nur wenn der Sturm
Die Silberweise durchwühlt
Entblößt sie den Stamm
(Kobayeshi Issa)

18. Auch auf der kleinsten Insel
Hat der Bauer im Feld
Über sich seine Lerche.
(Kobayeshi Issa)

19. Grad heute morgen
Fiel leise und ganz heimlich
Das erste Blatt ab.
(Kobayeshi Issa)

20. Dem Ruf des Kuckucks
Der Bettler auf der Brücke
Sogar gelauscht hat.
(Kobayeshi Issa)

21. Und wieder ist Frühling
Auf alte Torheiten
Folgen neue Torheiten.
(Kobayeshi Issa)

22. Im Abendwinde
Die weißen Rosenblüten
Erbebten alle.
(Masaoka Shiki)

Haikus übersetzen am Beispiel “Frosch-Haiku“

Das “Frosch-Haiku“ existiert in unzähligen Übersetzungen

Ein japanisches Haiku kann auf vielfältige Weise ins Deutsche übersetzt werden. Welche Übersetzung sich für ein Haiku am besten eignet, ist oft Geschmackssache. So kann ein und dasselbe Haiku in zahlreichen Variationen vorzufinden sein. Ein bekanntes Beispiel dafür ist das Frosch-Haiku des japanischen Dichters Bashô. In den oben genannten Beispielen findet es sich in folgender Form:

Ein uralter Weiher
Vorm Sprung eines Frosches
Ein kleiner Laut

Weitere mögliche Übersetzungen lauten unter anderem:

Der alte Weiher:
Ein Frosch springt hinein.
Oh! Das Geräusch des Wassers.

Uralter Teich.
Ein Frosch springt hinein.
Plop.

Jeder einzelne Vers der jeweiligen Übersetzung unterscheidet sich. Die Bedeutung bleibt jedoch immer gleich oder differiert nur minimal. So machen diese Differenzen für die Interpretation kaum einen Unterschied. Auch die Silbenzahl unterscheidet sich erheblich, da die übliche Form in Übersetzungen oftmals nicht eingehalten werden kann. Besonders auffällig sind hier die verschiedenen Übersetzungen des dritten Verses. Vermutlich konnte der Wortlaut dieses Verses nur schwer ins Deutsche übersetzt werden und symbolisierte wahrscheinlich den japanischen Laut für das Geräusch des Wassers. Dies ist wiederum typisch für ein Haiku, das versucht die Wahrnehmungen aller Sinne zu beschreiben. Tipps für eine gute Gedichtanalyse erfährst du hier.

0 votes, average: 0,00 out of 50 votes, average: 0,00 out of 50 votes, average: 0,00 out of 50 votes, average: 0,00 out of 50 votes, average: 0,00 out of 5 (0 votes, average: 0,00 out of 5)
You need to be a registered member to rate this.
Loading…

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here